Gegenwart kuratieren

Sie sollen pflegen, vertreten, Vormund sein. So verlangt es zumindest der lateinische Ursprung ihrer Berufsbezeichnung. Heute sind Kurator*innen viel mehr: Sie wählen aus, interpretieren, gestalten den Diskurs mit. Sie sind überflüssig – meinen manche, neutrale Persönlichkeiten sind sie mit Sicherheit nicht – das wissen die meisten. Wie Kurator*innen aus unserem Umfeld arbeiten, das wollten wir für unseren aktuellen Themenschwerpunkt wissen. Im Gespräch haben wir erfahren, welche Künstler*innen sie gerade spannend finden, welche künstlerische Position sie schon lange verfolgen, aber bisher vielleicht noch nicht ausstellen konnten, welche Themen aus ihrer Sicht dringend besprochen gehören und woher ihre Ideen kommen. Und wo sie sich informieren, was hören/lesen/sehen haben uns auch einige von ihnen noch verraten. Daraus entstand ein persönlicher Zugang zu Kurator*innen und ein noch persönlicherer zu ihren Künstler*innen.

Gloria Hasnay & Patricia L. Boyd & Bea Schlingelhoff

Erst seit rund einem Jahr ist Gloria Hasnay Kuratorin am Kunstverein München. Mit vielen Ideen ist sie von Düsseldorf nach München gekommen. Gemeinsam mit Direktorin Maurin Dietrich, die ebenso neu ist in München, in einem der ältesten deutschen Kunstvereine, unterhält sie sich aktuell viel über Arbeitsbedingungen von Künstler*innen und Strukturen des Kunstbetriebs. Auch mit uns wollte die Kuratorin also über zwei Künstlerinnen sprechen, die mit ihrer künstlerischen Herangehensweise Prozesse beschreiben oder gar Misstände aufdecken. Patricia L. Boyd und Bea Schlingelhoff sind außerdem künstlerische Positionen, die Gloria Hasnay schon länger verfolgt und demnächst auch ausstellen wird. Wie genau, was wir erwarten dürfen, warum sie die beiden so faszinierend findet und welche Diskussionen sie lostreten, lest und entdeckt ihr – wie immer – wenn ihr gemütlich weiterscrollt. Los!

Installationsansicht: Patricia L. Boyd, 1856, Melbourne, Courtesy die Künstlerin und 1856.

Quelle Titelbild: Klick

“Im Kunstbetrieb wird gerne kritisch auf Arbeitsbedingungen etc. geschaut, aber oftmals werden die weithin bekannten Missstände dann dennoch reproduziert.”

– Gloria Hasnay

Bild:   Robert Hamacher

Gloria Hasnay

Gloria Hasnay (*1989) ist seit 2019 Kuratorin am Kunstverein München, wo sie zuletzt gemeinsam mit Maurin Dietrich die Ausstellung „Not Working. Künstlerische Produktion und soziale Klasse“ organisierte. Nach ihrem Studium der Kunstwissenschaft und Philosophie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, war sie ab 2016 Direktorin der Galerie Max Mayer in Düsseldorf und gründete dort auch den Projektraum „Linden“. Darüber hinaus arbeitete sie als freie Kuratorin und realisierte zusammen mit Moritz Nebenführ u.a. Einzelausstellungen von Jef Geys in Bremen und Graham Lambkin in Köln sowie die Gruppenausstellung „ITS INTERIOR / AND A FACADE“ am Badischen Kunstverein in Karlsruhe.

Installationsansicht: Bea Schlingelhoff, Piece of Glass, Off Kunsthaus Glarus, Museum des Landes Glarus Freulerpalast, 2019. Foto: Gunnar Meier. Courtesy die Künstlerin und Kunsthaus Glarus.

Gloria Hasnay: So viele … gerade arbeite ich an Ausstellungen und Publikationen mit Patricia L. Boyd und Bea Schlingelhoff. Patricia L. Boyd zeigen wir diesen Januar im Kunstverein München, Bea Schlingelhoff dann im Herbst 2021.

Auf was dürfen sich die Besucher*innen im Kunstverein München also einstellen?

Patricia L. Boyd arbeitet an langfristigen Werkserien, die sich um eine prozesshafte Auseinandersetzung mit Themen wie den Produktionsbedingungen und -orten künstlerischer Arbeit drehen. Diese entwickelt sie in Relation zu Strukturen und Dynamiken, die dem jeweiligen Kontext inhärent sind – sei es das Atelier, der institutionelle oder, besonders in aktuellen Zeiten, der häusliche Raum. Für die Ausstellung hat sie ihre Serie „Impressions“ weitergeführt. Das sind Fotogramme von Ladenfenstern oder einer Bushaltestelle. Für München wird sie die Serie weiterführen und Negativabdrücke ihrer New Yorker Apartmentfenster produzieren. Der domestische Raum als Produktionsstätte im Verhältnis zum öffentlichen Raum der Institution steht also hier im Mittelpunkt. Eine andere fortlaufende Serie sind die „Wall Pieces“. Dafür stellt sie Abgüsse aus gebrauchtem Restaurantfett her, die dann in die Wände der jeweiligen Ausstellungsräume eingebettet werden. Es handelt sich um Negativformen von Büromöbeln, zerlegt in ihre Einzelteile. In der Herangehensweise beider Serien zeigt sich also Boyds Interesse am Negativraum.
Ihre Arbeiten sind darüber hinaus geprägt von einem Interesse an Zirkulationsflüssen. Wenn sie für ihre Fett-Abgüsse etwa Einzelteile eines Bürostuhls zur Vorlage nimmt, den sie bei einer Liquiditätsauktion ersteigert hat, und zudem recyceltes Restaurantfett als Material verwendet, sind das bewusste Entscheidungen. 

Ihre Arbeiten kann man also durchaus als ortsspezifisch bezeichnen.

Ja, wobei ich hier eher das Wort kontextspezifisch verwenden würde, denn in ihrer Ausstellung wird es nicht nur konkret um den Münchner Kunstverein gehen, beispielsweise seine Architektur, sondern auch um ihn als einen Verhandlungsort des Verhältnisses zwischen Künstler*in und Institution allgemein. Dabei spielen auch Fragen nach Abhängigkeitsverhältnissen, in die man sich als Künstler*in begibt, eine Rolle.

In Boyds Praxis erkennt man auch einen feministischen Ansatz; gerade beim Nachdenken über den Ort der Produktion landet man im Gespräch mit ihr schnell bei Künstlerinnen wie Moyra Davey, die meist zu Hause arbeitet. Die Arbeit in einem domestischen Umfeld ist eine spezifisch weiblich konnotierte. Denkt man weiter, führt das direkt zur Vereinbarkeit oder eben Unvereinbarkeit gewisser Praktiken mit einem neoliberal geprägten und auf Sichtbarkeit ausgelegten Kunstbetrieb. 
In diesem Zusammenhang stellt sich mir auch die grundlegende Frage, inwiefern sich manche künstlerischen Positionen in bestehende Strukturen, z.B. Förderstrukturen, einbetten lassen. Das sind Dinge, die mich bzw. uns in unserer Arbeit am Kunstverein beschäftigen. Viele uns betreffende Fördertöpfe fokussieren sich häufig auf Positionen, die als „emergingartists“ gelten, was meistens per se mit Alter verknüpft ist. Das finde ich problematisch, weil es Künstler*innen ab 35 oder 40 oft als „förderungsunwürdig“ ausklammert und auch nur eine bestimmte, lineare Form der „Karriere“ zulässt bzw. anerkennt. In den letzten Jahren hat sich jedoch einmal mehr gezeigt, dass das veraltete Denk- und Rezeptionsmuster reproduziert und sich nicht mit der Realität deckt. 

Zunächst über verschiedene Kanäle online, sowohl über Texte – von ihr oder über sie – als auch Ausstellungen. Bei ihrer Praxis gibt es viele Berührungspunkte mit anderen Künstler*innen, die mich interessieren und so begegneten mir ihre Arbeiten immer wieder und gingen mir nach kurzer Zeit nicht mehr aus dem Kopf.

Wie lief die Kommunikation mit 
Boyd ab?

Wir haben uns zunächst einmal angenähert und über ihre Arbeiten gesprochen, was seinen Anfang nahm über eine kleinere Videopräsentation im Rahmen des Formats „Schaufenster“ am Kunstverein, zu der ich sie 2019 eingeladen habe. Seitdem sprechen wir regelmäßig, es ist ein reger Austausch von Gedanken geworden. Wir diskutieren nicht nur ihre, sondern auch Werke und Praktiken anderer Künstler*innen. Über die Zeit entstand zudem ein Austausch über Texte und somit eine Art gemeinsames Lesen, nur eben zeitlich und örtlich versetzt. 

In welcher Vorbereitungsphase befindest du dich aktuell mit Bea Schlingelhoff?

Auch sie arbeitet bereits an der Ausstellung, die dann im kommenden Herbst eröffnen wird. Mit einer ebenfalls kontextbezogenen Herangehensweise, verfolgt sie jedoch eher den Ansatz, sich der Historie des jeweiligen Ausstellungsortes zu widmen. Ihre Arbeiten sind geprägt von einem Interesse am „Umschreiben“ von Geschichte aus kritisch feministischer und antifaschistischer Perspektive. Das ist gerade in einer Stadt wie München besonders wichtig. Das kollektive städtische Gedächtnis weist einige Lücken auf, gerade auch in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus. Und das nicht zuletzt im kulturellen Bereich. In den Räumlichkeiten, die wir als Kunstverein seit den Fünfzigern nutzen, fand zum Beispiel 1937 die Ausstellung „Entartete Kunst“ statt. Bis heute fehlt jedoch ein Erinnerungszeichen dafür.

Was fasziniert dich an ihrer Arbeit?

Tatsächlich ihre Perspektive, mit der es ihr stets gelingt, auch meine eigene neu auszurichten. Auch ihre Beschäftigung mit vergessenen weiblichen Positionen. Ein gutes Beispiel dafür ist ihre Ausstellung in der Düsseldorfer Galerie Max Mayer: Darin stellte Schlingelhoff quasi die Behauptung auf, die Straße, auf der sich die Galerie zu diesem Zeitpunkt befand, sei nach der Künstlerin Marta Worringer benannt. Für sie hat Schlingelhoff eine individuelle Typografie entwickelt, die schlussendlich für alle Drucksachen der Ausstellung verwendet wurde. In einem weiteren Schritt hat sie knapp 500 Düsseldorfer Straßen nach Künstlerinnen umbenannt – so wurde aus der Ackerstraße die Kathy-Acker-Straße. Die Hauptarbeit der Schau war die so akkumulierte Liste von neuen Straßennamen, die sie in ihrer Typografie verfasst an der Wand präsentierte. Im Rahmen dieses Projekts fiel auf, dass in Düsseldorf nicht eine einzige Straße oder Platz nach einer Künstlerin benannt. Ein Missstand, der von Schlingelhoff offengelegt wurde und schließlich sogar eine Debatte in der Stadt über die Umbenennung von Straßen auslöste. 

Schlingelhoffs Schriften sind dann auch für jeden verwendbar.

Genau, sie sollen als Mittel des Umschreibens auch weitergetragen werden. Üblicherweise kann man sie sich in den Ausstellungen von Bea Schlingelhoff über einen Downloadlink für die Dauer der Schau kostenlos herunterladen. Neben ihren typografischen Werken, arbeitet Schlingelhoff, die u.a. beim Konzeptkünstler Michael Asher studiert hat, auch mit räumlichen Interventionen.

Du kommst aus Düsseldorf nach München, von einer jungen Galerie in einen der ältesten deutschen Kunstvereine. Wie hat sich deine Arbeit verändert?

Ich war dort vier Jahre lang Direktorin der Galerie Max Mayer, die damals noch ein recht junges Unternehmen war. Als Ort, der kommerziellen Interessen folgt, macht er diese jedoch nicht zur obersten Priorität und ist offen gegenüber anderen Formen der Vermittlung. Das betrifft sowohl die Art der Zusammenarbeit mit Künstler*innen als auch das Nachdenken über Ausstellungen. Das habe ich immer sehr geschätzt. Ich habe neben meiner Tätigkeit dort aber immer auch andere Dinge realisiert, etwa gemeinsam mit Moritz Nebenführ den Projektraum „Linden“. Dort haben wir unter anderem Filme von Susan Cianciolo gezeigt und mit der fiktiven Head Gallery kooperiert, einem Projekt des Künstlers John Russell.

Mit 2019 hat der Kunstverein München ein neues Team bekommen. Was hat sich damit geändert?

Als Maurin Dietrich als Direktorin und ich als Kuratorin an den Kunstverein kamen, haben wir zunächst die Anzahl der Ausstellungen pro Jahr reduziert, sprich wir machen jetzt drei bis vier größere Ausstellungsprojekte und bieten parallel dazu weiteres Programm, das eher performative oder kunstvermittlelnde Akzente setzt. Das erlaubt uns nicht nur den einzelnen Positionen mehr Zeit zu widmen, so können wir auch mit unseren Ressourcen anders haushalten. Im Kunstbetrieb wird gerne kritisch auf Arbeitsbedingungen etc. geschaut, aber oftmals werden die weithin bekannten Missstände dann dennoch reproduziert. Generell wird zu wenig offen über tatsächliche Arbeitsrealitäten oder Vergütung gesprochen. Im Kunstverein diskutieren und bearbeiten wir das einerseits viel intern und strukturell, nicht zuletzt durch die Etablierung eines Residency Programms. Andererseits versuchen wir diese Themen auch über künstlerische Praktiken zu verhandeln und in die Öffentlichkeit zu tragen. Das halte ich für einen nachhaltigen Ansatz und sehe es als wichtigen Teil unserer Aufgabe als gemeinnützige Institution in einem städtischen und sozialen Gefüge.

NäCHSTER BEITrAG

"Gegenwärtig vermitteln", hier.

Bea Schlingelhoff (*1971) ist Künstlerin und lebt und arbeitet in Zürich. 2001 schloss sie ihr Studium an der Hochschule für Künste in Bremen ab. Ihre Arbeiten waren auf der Manifesta 9 in Genk, in der Kunsthalle Zürich oder im Kunsthaus Glarus zu sehen.

Patricia L. Boyd (*1980) ist Künstlerin und lebt und arbeitet in New York. Ihre Projekte und Serien waren bereits in der Galerie Christian Andersen in New York zu sehen oder brachten die Künstlerin zum Steirischen Herbst nach Graz oder der Victorian Trade Hall nach Melbourne.

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