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GEGENWARTSKUNST DRAUSSEN

Immer, wenn es draußen schön warm ist, zieht es besonders viele Kunstinteressierte (auch uns) aus den oft kalten White Cubes hinaus in die Landschaft. Deshalb auf das Kunsterlebnis verzichten? No way! Wir haben Wege zur Gegenwartskunst gesucht, die an Museen vorbei mitten in die Landschaft führen. Den ganzen Sommer lang haben wir Projekte und Initiativen besucht, mit Möglichmacher*innen gesprochen und gefragt, was Kunst im Freien so besonders macht. Der Antwort auf die Spur kamen wir überall in den Alpen, am besten via Bild. Fürs zusätzliche Hirnfutter haben wir dann noch eine Expertin zur Computertastatur gebeten, die uns ihren Weg zur Kunst in der Landschaft in einem Text nachzeichnet.

Sommerspecial 2021:

4 x Kunst in der Landschaft, 1 Sommer: Via Instagram haben wir euch einen ganzen Monat mit eindrucksvollen Bildern in noch eindrucksvollere Projekte reinblicken lassen, die Kunst im Freien stattfinden lassen. Mit dabei ist die Outdoorbiennale SMACH., die es seit 2013 im Südtiroler Gadertal gibt. Alle zwei Jahre wird dort frische Gegenwartskunst in die Landschaft gepflanzt, so manches bleibt auch dort – zu sehen im eigens dafür eingerichteten ART PARK. Mit Präsident Michael Moling haben wir über die Herausforderungen des Projekts inmitten der Dolomiten gesprochen. In die Stadt gewechselt sind wir für #kunstraumstadt, eine neue Reihe für Kunst im öffentlichen Raum von Kunstraum Dornbirn und der Stadt Dornbirn. Ihr erstes Projekt erweitert den analogen Kunstraum um digitale Werke von Erwin Wurm. Parallel dazu kann man rund um den Kunstraum Dornbirn auch ganz klassisch analoge Kunst im Stadtraum (Skulpturenpark) finden. Warum, was und wo hat uns Andrea Fink erklärt. Mitten ins Feld hat es uns dann einmal für die Säulenhalle STOA169 gezogen, vor der uns Initiator Bernd Zimmer erzählt hat, wie es zu diesem einzigartigen Projekt kam: 121 internationale Künstler*innen gestalteten dort in den letzten Monaten jeweils eine Säule. Und nachts, bei schönstem Mondschein haben wir Insideout/Overgrown gesichtet, ein neues Outdoorprojekt in Tirol. Darin möchten wir jetzt noch tiefer eintauchen: Kuratorin Nadja Ayoub lässt uns nämlich mitlesen (und -hören), wie die Initiative gewachsen ist und wohin sie sich vielleicht noch bewegt.

Nadja Ayoub

ist Kuratorin in Innsbruck. Sie studierte Kunstgeschichte in Innsbruck und schloss mit einer Arbeit zu Kunst in der Landschaft ihr Studium ab. 2013 organisierte sie das Outdoorprojekt "urban spricht kunst" und die PREMIERENTAGE in Innsbruck. Seit 2016 ist sie als kuratorische Assistenz in der Galerie der Stadt Schwaz tätig. Mit 2022 übernimmt Ayoub die künstlerische Leitung der Stadtgalerie.

Sokrates: Schau dich nach einem Platz um, wo wir uns lagern können.
Phaidros: Siehst du dort hinten die mächtige emporragende Platane? Dort ist Schatten…

> Platon, Phaidros, Reclam Verlag, 1986

Was, Wie und Warum Kunst in der Landschaft – eine theoretische Annäherung am Beispiel des Ausstellungsexperiments „overgrown“.

Ich beschäftige mich schon seit meiner Studienzeit immer wieder mit Themen der Landschaft und Natur in ihrem kulturellen Kontext. „overgrown“ ist nicht die erste Outdoor-Ausstellung, die ich kuratiere. Neben kleineren Projekten plante ich bereits 2013 gemeinsam mit Ute Niedermeyer ein Festival für Kunst, Urbanität und Natur mitten in der Innsbrucker Altstadt im Garten des Franziskanerklosters. Wir hatten kaum Geld und so gut wie keine Erfahrung. Aber jede Menge Motivation. Die dreiwöchige Ausstellung „urban spricht kunst“ wurde begleitet von einem umfangreichen Vermittlungsprogramm, Theateraufführungen, Filmvorführungen, Lesungen und Performances. Ohne die vielen engagierten KünstlerInnen und HelferInnen wäre diese Veranstaltung wohl kaum umsetzbar gewesen. Schon damals spielte der Ort die zentrale Rolle in der Konzipierung. Der Garten als unsichtbarer Raum, versteckt hinter Mauern, das Treiben um ihn herum,  mitten im Stadtzentrum. Die Sensibilisierung unserer Wahrnehmung und Achtsamkeit im Bezug auf die Natur waren der Kern dieses Projekts. Ähnliche Fragestellungen lassen sich auch bei der Ausstellung „overgrown“ extrahieren. Die Ausstellung ist hier als Reihe gedacht und soll im Zweijahresrythmus zu unterschiedlichen Themen realisiert werden. Das besondere ist hier nicht nur der Ort, sondern auch die Dauer: Für ein ganzes Jahr bleiben alle für die Ausstellung konzipierten Arbeiten im Freien. Dabei gilt zu betonen: Buchen liegt auf 1247 m ü. A. und verbindet die Orte Telfs und Leutasch. Wir befinden uns hier mitten in einem Kleinod von Natur. Gleichzeitig spielt der Tourismus eine enorme Rolle – zahlreiche Hotels, Skischulen, Loipen und Wandergebiete gestalten das Landschaftsbild mit.

Buchen liegt recht abgeschieden, selbst die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln stellte sich als eher schwierig heraus. Es stellt sich also die Frage, warum genau dieser Ort? Die Antwort liegt nahe: zum Einen befindet sich dort das Gasthaus Ropferstubm welches von der Familie Pischl geführt wird, die wiederum den Kunst- und Kulturverein Telfs-Buchen während der Pandemie 2020 gegründet hat und mich als Kuratorin eingeladen hat dort etwas zu machen. Zum Anderen befinden wir uns genau hier an einer Schnittstelle zwischen Tourismus und Natur. Und ich wollte daraus, eine Schnittstelle zwischen Tourismus, Natur und Kunst machen.

Tirol ist als Tourismusgebiet bekannt und ist stets bemüht, das Klischee der idyllischen Bergwelt mit seinen Tälern und Naherholungsgebieten aufrecht zu erhalten. Ausgehend von einer unzähligen Reihe verkitschter Heimatfilme der Nachkriegszeit, die Tirol zu einem Sehnsuchtsziel und Urlaubsparadies erklärten, dreht sich die Tourismusmaschinerie ständig weiter. Kunst bietet hier eine Möglichkeit, sich der Natur über andere Perspektiven zu nähern, sie anders wahrzunehmen. Im Winter führt die Loipe entlang zum Ropferhof jetzt auch an Malerei und Skulptur vorbei, im Sommer der Wanderweg zu Gegenwartskunst mitten im Wald. Ohne, dass das Publikum damit rechnet. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Es ist die Wahrnehmung, die sich ständig verändert, so wie es die Kunstwerke selbst über das Jahr hinweg machen. Die Ausstellung knüpft an einer Sensibilisierung des Sehens und des Wahrnehmens an, zudem greift sie die aktuelle Problematik des Zusammenkommens in Zeiten der Pandemie auf. Nur gut, dass das Spazieren immer erlaubt war und ist.

Es dauerte nicht lange, bis meine Auswahl stand: Gabriele Edlbauer, Matthias Krinzinger, Sophia Mairer und Maria Walcher waren eingeladen, über mehrere Monate immer wieder vor Ort zu wohnen und zu arbeiten. Die Auseinandersetzung im ortsbezogenen Kontext ist in dieser Ausstellung essentiell. Alle Arbeiten thematisieren die Auflösung von hierarchischen Prinzipien und Formen auf unterschiedliche Art und Weise. Dabei spielen sowohl vorgegebene gesellschaftliche Strukturen eine Rolle, als auch der Versuch daraus auszubrechen oder sie neu zu interpretieren.

Dieses erste Ausstellungsjahr ist als Experiment im Prozess zu verstehen. Nicht nur die Kulisse, sondern auch die Wahrnehmung der Ausstellung wird ständig eine andere sein. Zusätzlich spielen eine Reihe von Fragestellungen eine Rolle, die ich im Folgenden zu skizzieren versuche:

1. Raum

Ursprünglich kommt Raum von „räumen, Platz schaffen, frei räumen“. Die Überlegungen zu dieser Ausstellung begannen mit Fragestellungen nach dem Raum. Wie wird Raum gedacht? In wieweit verändert sich unsere Vorstellung von Raum in Anbetracht der derzeitigen Situation einer weltweiten Pandemie? Und in Zeiten  voranschreitender globaler und klimatischer Veränderungen? Für mich als Kuratorin war es nur logisch sich in diesem Zug mit der Auflösung von Raumstrukturen auseinander zu setzen ebenso wie deren soziale und gesellschaftspolitische Auswirkungen.

Raumvorstellungen sind unterschiedlich. Deshalb gibt es auch eine Vielzahl von Raumkonzepten. Räume weisen Strukturen auf, sie geben Grenzen vor. Sie erzeugen Sicherheit, sie bewahren, sie trennen – das Innen vom Außen. Und genau hier scheinen die Grenzen immer diffuser zu werden. Der Soziologe Markus Schoer spricht in diesem Kontext von „verschiedensten Raumbildern, Raumkonzepten und Raumauffassungen, die einander nicht mehr ablösen, sondern nebeneinander existieren“.

2. Präsenz

Soziale Strukturen resultieren aus Handlungen und Interaktionen. Soziale Anlässe bilden den Kontext, in dem Personen miteinander in Interaktion treten. Was aber wenn Face-to-Face-Interaktionen keine Kriterien mehr für die Aufnahme und Qualität sozialer Bindungen darstellen? Wie ändert sich das Verhältnis zwischen Betrachter und Kunst? In „Die Wirklichkeit findet statt. Über notwendige Präsenz in Kunst und Sport“, einem vor Kurzem erschienen ein Dialog zwischen Kunsthistoriker Horst Bredekamp und Philosophen Gunter Gebauer, verweist Bredekamp zu allererst auf dieOriginalerfahrung. Er beschreibt sie als eine über das Sehen hinausreichende Notwendigkeit, ohne die ein Kunstwerk nicht vollwertig wahrgenommen und bewertet werden kann. Es ist also das Sehen und die körperliche Erfahrung, die gemeinsam Multiperspektivität erlauben. Die begriffliche Sprache allein reicht hier nicht aus, ebensowenig wie die Reproduktion auf einem Screen.

3. Landschaft

Was ist Landschaft überhaupt? Mein Versuch einer begrifflichen Annäherung:
Spricht man von Landschaft, so ist meist ein Ort bzw. Raum gemeint, dessen Vorstellung einhergeht mit Schönheit, Klarheit und Ordnung. Es ist ein Ort, der bewusst gestaltet wird – ein zum Teil künstlicher Eingriff in ein Stück Natur, welches aus seinem natürlichen Kontext herausgelöst wird, wie zum Beispiel bei der Anlegung eines Gartens oder Parks. Landschaft ist demnach ein Ausschnitt, dessen Assoziation von Natur durch uns geprägt wird. Durch sie erleben und erschaffen wir die Kultur, in der wir uns selbst positionieren. Ausschlaggebend dafür sind gesellschaftliche und kulturelle Verhältnisse, Traditionen und Bräuche, aber auch Nutzungsverhalten. Die Gestaltung von Landschaft ist somit ein kulturhistorisches Zeugnis jetziger und vergangener Zeiten.
Denkt man hingegen an Natur, so öffnet sich für uns ein unüberschaubarer Ort, der unberührt und wild erscheint. Dort finden wir das Unbegrenzte. ‚overgrown‘ bezieht sich nicht nur auf eine tatsächliche Überwucherung von Gestrüpp und Moos und die Bedeckung von allem was darunter liegt, sondern auch auf deren unkontrollierbare Vorgehensweise. Innerhalb der Ausstellung finden wir uns in einem sich ständig verändernden Setting auf das wir keinen Einfluss haben. Alles ist hier wandelnde Bühne, bleibt in stetiger Transformation, bleibt ungewiss.

4. Trend

Trendige Bezeichnungen wie: „Waldbaden für Einsteiger“ (oder noch vielversprechender klingend auf Japanisch: „Shinrin Yoku“) oder aber auch „der Wald als Seelentröster“ stehen hoch im Kurs und werben mit den heilsamen Kräften der Natur. Es ist eine Gratwanderung zwischen dem Schaffen eines achtsamen Bewusstseins für die Natur und kapitalistischer Ausbeutung.

Die Natur boomt, auch in der Kunst. Schon immer? Oder schon wieder? Oder jetzt erst recht?

4 MaL KuNST IN DER LaNDSCHaFT

Künstler*innen im Uhrzeigersinn: Alemeh & Shahed Mohammadzadeh „The Sun“, Conor Mcnallys „Ciasa“, Luca Chiesuras “That’s what friends are for”⁠ & Stefano Cagol „Terminus“.

Künstler*innen im Uhrzeigersinn: Gabriele Edlbauer „Drei Bier“, Maria Walcher „Ohm“, Sophia Mairer „Close (Step)“, Matthias Krinzinger „Würfelboccia“, Maria Walcher „Ohm“ (alle 2021).

Analoge Kunst im öffentlichen Raum/Skulpturenpark: Steinbrener/Dempf & Huber „Kritische Masse“ (2017), Esther Stocker „Ohne Titel“ (2014).

Digitale (temporäre) Kunst im öffentlichen Raum/#kunstraumstadt: Digitale Werke von Erwin Wurm (2021)

Säulen von: Peter Halley (links) und Brigitte Kowanz (rechts)

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