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Eine Frage des Raums

Es ist eine Frage des Raums. Dieser wollen wir uns 2022 stellen. So richtig intensiv. Und natürlich vor allem deshalb, weil wir uns jetzt so schön im Alpenraum festgesetzt haben. Und diese Raumfrage beim Verwurzeln ständig gestellt bekommen haben – oder selbst stellen. Du lebst in der Stadt? Du hasst das Land? Du liebst das Land und kannst nicht ohne Stadt? Stadt, Land – was jetzt? Dabei ist der Alpenraum ist oft weder das Eine noch das Andere. In den kommenden Monaten unternehmen wir deshalb eine Landvermessung der zeitgenössischen Art. Natürlich geht es um die Gegenwartskunst – und um das, was da noch kommt. Für den Anfang haben wir die Südtiroler Kuratorin Elisa Barison, die Stadt und Land bestens kennt, um ihre Einschätzung gebeten.

Titelbild: 8. August 2020, exhibition spaces with a view, Biennale Gherdeina 2020, (c) Elisa Barison, Portrait: Elisa Barison (c) AliPaloma

Elisa Barison

Elisa Barison ist Kuratorin und Kunsthistorikerin in Südtirol. Geboren 1992 in Sterzing, studierte Barison Kunstgeschichte und Publizistik an der Universität Wien und absolvierte später einen MBA in Cultural Management & Art Market in Paris. Nach diversen Erfahrungen in kulturellen Institutionen und Kunstgalerien im Ausland kehrte sie 2018 nach Südtirol zurück, wo sie im Auftrag des ehemaligen Residenzprogramms GAP Glurns Art Point eine Reihe von Ausstellungen im Museion Atelierhaus kuratierte. Seit 2019 arbeitet sie für die Antonio Dalle Nogare Stiftung in Bozen, wo sie unter anderem das öffentliche Programm betreut. Für die Jahre 2021 und 2022 ist sie mit der Kuratierung des Ausstellungsprogramms in der Stadtgalerie Brixen beauftragt.

Danh Vo erzählt dem Louisiana Museum of Modern Art aus Dänemark über seine Praxis und wie und warum er sein Paradies auf einer Farm in Brandernburg gefunden hat.

Stadt, Land, DEZENTRALE?

Ich habe das Land so lange gehasst, bis ich in die Stadt gezogen bin. Dann wurde die Stadt plötzlich zu klein und eine größere Stadt musste her. Irgendwann hasste ich die große Stadt und heute sitze ich wieder am Land. Gerade hasse ich es, mir einzugestehen, dass ich sowohl Land und Stadt gehasst habe. Glücklicherweise lässt sich Hass mit Liebe heilen und diese finde ich heute hier am Land, wissend, dass die Stadt nur eine Zugfahrt entfernt liegt. 

Bewusst war mir dieser Zustand bisher nicht wirklich. Dank der Beobachtungskünste und der Einfühlsamkeit des Büros für Gegenwartskunst, das sich nach meinem Tun „in der Provinz“ erkundigt hat und mich an dieser Stelle meine Gedanken teilen lässt, habe ich mich gefragt, was es mit dem ganzen Stadt-Land-Drama auf sich hat und wie es mich und die Kulturschaffenden um mich herum beeinflusst. Was nun also folgt, ist eine Liebesduselei über mehr Nähe, mehr Verständnis und lauter Sachen, die für Zyniker*innen zu kitschig sind und zu utopisch klingen. Es klinke sich also aus, wer weiterhin irgendetwas oder irgendjemanden hassen will. Für alle anderen: Willkommen bei Stadt, Land, Fragezeichen! 

Das Fragezeichen steht für die oft fehlende Beziehung zwischen den beiden Zuständen – oder aber für die neue Variante, die dazwischen möglich ist. Es geht hier um Kultur abseits der Metropolen. Und eigentlich geht es auch um viel mehr als das. Nicht umsonst fragte die letzte Architektur-Biennale in Venedig danach, wie wir miteinander leben wollen und können. Die Entscheidung Stadt oder Land scheint eine klassische „dog person or cat person?“-Frage zu sein. Wurde erst eine Entscheidung getroffen, identifiziert sich die Person ab dem Zeitpunkt damit und muss für den Rest ihres Lebens mit den Konsequenzen leben. Warum eigentlich? Ich war krasse Verfechterin von „dog persons“ und habe mich letztes Jahr von zwei herausragenden Katzen eines Besseren belehren lassen. Kurzum: Ich denke, es ist ok, beide(s) zu mögen. Eine Erleuchtung! 
Warum also scheint es so schwierig zu sein, einen Austausch zwischen Stadt und Land zu erreichen, ohne sich von Sehnsüchten hinreißen zu lassen, die sich sowieso immer auf das fokussieren, was im Moment eben nicht da ist?

Eine der beiden herausragenden Katzen die meine Einstellung zu „cat person or dog person“ geändert haben, Miss fatty.fatcat.

Ausschnitt aus „Manifest der dritten Landschaft“ von Gilles Clement. Foto: Elisa Barison

Gilles Clément spricht sich in seinem Manifest der dritten Landschaft für das Dazwischen aus. Die kontaminierte Fläche, die primäres Ökosystem nicht mehr ist und nicht wichtig genug war, um als Reservat in Schutz genommen zu werden. Diese „verlassenen Gelände“, wie Clément sie nennt, sind die neuen Hochburgen der Biodiversität. Umso mehr sie sich selbst überlassen bleiben, desto mehr wuchert es. Als Kulturschaffende in Südtirol stellt sich für mich die Frage: Wo trifft dieser Zustand in Bezug auf die Kultur zu? Kann man ihn künstlich erzeugen? Während die Stadt zu voll, zu teuer und zu schnell ist, wirft man dem Land oft vor, Brache zu sein, Reaktionismus zu fördern und wenige Möglichkeiten zu entfalten. Gibt es denn keinen Mittelweg?

Nachdem jede Kunst-Metropole Europas ihre eigene Kulturlandschaft hat, die meistens an größeren Institutionen und dem Stand des Marktes festgemacht wird, gibt es für das Land nicht so eindeutige Identifikationsmuster, da sich die Kultur oft über kleinere und unabhängige Institutionen definiert oder aber von den Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen lokaler Politik abhängt. Was es braucht, ist eine Neuvermessung des Landes. Einen Überblick. Ist Land gleich Land? Ist Provinz gleich Peripherie? Hat die Brache schöpferisches Potenzial? Was bedeutet es überhaupt, Kultur am Land zu machen, und ist Land stets das Gegenteil von Stadt? Wer sind die Leute am Land und was können sie von der Stadt lernen und vice versa? Hat das Land eigentlich eine künstlerische Handschrift und wenn ja, welche? Und: Wie wird das Land von der digitalen Gegenwart beeinflusst?

Rem Koolhaas ist mir natürlich einen Schritt voraus: In Countryside, A Report“, welches als begleitendes Werkzeug der Ausstellung Countryside, The Future“ 2020 im Solomon R. Guggenheim Museum in New York erschien, beschreibt er die neuen Formen des Zusammenlebens in ruralen Zonen weltweit. Er beruft sich dabei auf die Aussage der UN 2007, nach welcher in dem Jahr erstmals mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen lebte anstatt in ruralen. Und während diese Tendenz auch bis circa 2014 noch als steigend eingeschätzt wurde, haben die letzten zwei Jahre teilweise das Gegenteil bewiesen: In größeren Städten in ganz Österreich, Nord-Rhein-Westfalen oder konkret der fortschrittlichsten Stadt Italiens (Mailand) zeichnet sich 2021 ein negativer Wanderungssaldo ab. Koolhaas hatte also wohl damit recht zu behaupten, die Stadt ist von gestern – und die Zukunft liegt am Land. Aber wenn es so einfach wäre, würde sich der bisherige Trend dann nicht einfach umkehren und würden dann nicht alle plötzlich wieder aufs Land wollen? 

Rem Koolhaas in „Countryside. A Report“ Foto: Elisa Barison

Dass es für eine Zukunft zwischen Stadt und Land (oder angesichts ALLEM, was passiert, für eine Zukunft der Menschheit) wohl mehr als ein binäres Weltbild braucht, bestätigt immer wieder the one and only Donna Haraway. Sie spricht sich in ihren Werken, wie zuletzt in „Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene“ (2016), stets dafür aus, dass es nicht (mehr) darum geht, zwischen Land oder Stadt, futuristischer Aufbruchsstimmung oder Misstrauen dem technischen Fortschritt gegenüber zu wählen. Sondern dass Überleben und Leben nur in Symbiose mit anderen Arten des Planeten möglich sein kann. Noch einmal liegt die Lösung in der Kontamination (siehe Manifest der dritten Landschaft). Demzufolge sollten auch Stadt und Land sich aufeinander einlassen und all-in gehen. 1+1=3! Wie wäre es mit dem Begriff DEZENTRALE? Die Vorstellung eines dezentralen Zentrums aka Möglichkeiten in Metamorphose, raumübergreifend aka die ambitionierte, gut vernetzte, mobile, digitale Mischung von Stadt und Land. 

Gabriela Oberkoflers Welt und ihre einzigartige Fähigkeit Natur zu erzählen .

Bevor wir in die utopische Zukunft blicken, werfen wir jedoch noch einen Blick auf die aktuelle Situation. Eine treibende Kraft im Verwischen der Spuren von Stadt und Land können auch Künstler*innen sein. Immer mehr davon bewegen sich flexibel zwischen dem (Kunst-)Markt und der Brache, dem Chaos der Stadt und der Stille der Natur. Dabei denke ich an Personen, die über eine kurze Stadtflucht hinaus und abseits des Trends von „back to the roots“ neue Verbindungen zwischen urbanem und ruralem Leben herstellen: Künstler Danh Vō verlegte seine Arbeit in den letzten Jahren von Berlin an den Güldenhof in Stechlin (Brandenburg), den er somit zu einem neuen Lebensraum und einer kleinen Farm und Produktionsstätte für sein Team und eine Reihe von Menschen machte. Künstlerin Gabriela Oberkofler hingegen ging von einem ruralen Leben zwischen Hof und Gasthaus in Jenesien (oberhalb von Bozen) nach Stuttgart, wo sie heute lebt und arbeitet und immer noch ihre unmittelbare Nähe zur Natur aus der Vergangenheit weiter aktiviert – und diese durch ihre Kunst auch mit dem Rest der Welt teilt. 

Auch wir wollen in den nächsten Monaten hier einiges teilen. Inspiriert durch alle genannten Personen und gemeinsam mit einer Reihe von Kulturschaffenden zwischen Stadt und Land nehmen wir diese Räume und Begriffe auseinander und setzen sie neu zusammen. Wunschziel: DEZENTRALE. Von dort aus ist das Guggenheim nur noch ein Katzensprung. 

 
Elisa Barison

Donna Haraway gibt eine lecture zu ihrem Buch „Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene” am San Francisco Art Institute, 25. April, 2017 und spricht über Kontaktzonen, Kontamination und deren Stärken und Vorteile für(Über)Leben auf diesem Planeten.

größere, dicht geschlossene Siedlung, die mit bestimmten Rechten ausgestattet ist und den verwaltungsmäßigen, wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt eines Gebietes darstellt; große Ansammlung von Häusern [und öffentlichen Gebäuden], in der viele Menschen in einer Verwaltungseinheit leben

Gebiet außerhalb der städtischen Zivilisation, das besonders durch das Betreiben von Landwirtschaft geprägt ist; dörfliche Gegend

Gegend, in der (mit großstädtischem Maßstab gemessen) in kultureller, gesellschaftlicher Hinsicht im Allgemeinen wenig geboten wird

Randgebiet, -bezirk, -zone

BEISPIELE
an der Peripherie der Stadt
〈in übertragener Bedeutung:〉 machtpolitisch an die Peripherie gerückt werden

ländlich, bäuerlich

städtisch, für die Stadt, für städtisches Leben charakteristisch

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„Homage to Tethys“ by Judith Neunhäuserer + Elisa Barison in „Kulturschichten“ @ Stadt Galerie Brixen, Foto: Leonhard Angerer

8. August 2020, exhibition spaces with a view, Biennale Gherdeina 2020, (c) Elisa Barison

23. Juli 2015, ein paar Monate Aufenthalt in Südtirol zwischen Wien und Paris, gerade Instagram und Filter entdeckt #sistavameglioquandosistavapeggio, Foto: Elisa Barison

4. Jänner 2016, 1. Nacht in der großen Stadt, big dreamz. Foto: Elisa Barison

1. Juni 2019, Doris Moser KNAUTSCH im Sterziner Moos Stadel kuratiert für den Kunst und Kulturverein LURX. Foto: LURX

27. Juni 2020 Contemporary Traktor Fondazione Antonio Dalle Nogare. Foto: Elisa Barison

10. April 2016, Millimeterarbeit der Stadtgärtner*innen, Foto: Elisa Barison

14. April 2021 Lokalaugenschein Stadt Galerie Brixen mit Alexander Wierer laendliche Ikonen und ihre Wirkung. Foto: Elisa Barison

30. August 2021, Ortsspezifische Fragestellungen, Franziska Schink im Aufbau ihrer Installation „Kleine Erkenntnis eines geselligen Exemplars“ für die Ausstellung „Hoangortn“ in der Stadt Galerie Brixen. Foto: Elisa Barison

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