GESTERN IM HEUTE und...

Niemals vergessen?

„Niemals vergessen“ ist eine beliebte Phrase, aber eine nicht halb so gerne gesetzte Handlung. Es sagt sich so leicht dahin, für den Einzelnen wie für eine ganze Gesellschaft. Auch an diesem 8. Mai war es wieder so weit, das „Niemals vergessen“ tönte aus analogen und digitalen Räumen. Anlass ist das Ende des Zweiten Weltkriegs, die Befreiung vom Nationalsozialismus vor inzwischen 75 Jahren. Ein Datum, das auch die Gegenwartskunst nicht vergessen möchte. Und es doch immer wieder tut. Über Rekordverkäufe, Bananen an Wänden oder spektakuläre Kunstdiebstähle lässt es sich eben besser smalltalken. Dabei ist die Erinnerung ein der Gegenwartskunst immanentes Thema. Viele Kunstschaffende recherchieren, mahnen und zeichnen gegen das Vergessen an – das möchten wir auch mit diesem Beitrag zeigen. 

DAS GESTERN IM HEUTE UND…

Künstlerin Marie Blum etwa widmet sich in Form eines sehr persönlichen, performativen Denkmals dem Schicksal unzähliger, unschuldiger Kinder in Konzentrationslagern. In unserer Korrespondenz denkt sie sich vom Gestern übers Heute ins Morgen und plädiert gleichzeitig für neue Formen des Erinnerns. 

Ein ähnliches Experiment wagt gerade das NS-Dokumentationszentrum unter der Leitung von Mirjam Zadoff in München, das in der Ausstellung „Tell me about yesterday  tomorrow“ die Geschichte über den lohnenswerten Umweg der Kunst neu entdeckt und erfahrbar macht. Auch wir glauben, eine globalisierte Welt verlangt es so – in unserem nächsten Beitrag (…HEUTE FÜR MORGEN) werden wir darüber nachdenken. 

Mit demselben Mut haben auch wir für unseren Beitrag zum Thema Erinnerungskultur einen Umweg eingeschlagen. Wir sind keine Expertinnen – setzen uns nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Wir können aufzeigen, verwirren, hinweisen, neu denken – und doch gingen uns vor der Schwere des Erinnerns die Antworten aus. Nicht aber die Fragen. Inspiriert von der berühmten Sammlung an Fragebögen von Max Frisch fragen wir uns selbst und unsere Leser*innen Augenfälliges bis Abseitiges. Weil wir bereit sind, beunruhigt zu bleiben.

Gleichzeitig können wir auch beruhigen, so schwer ist es nicht. Auf die eine Frage gibt es nur eine Antwort: Können wir unter das Thema Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus, Holocaust nicht irgendwann einen Schlussstrich setzen?

Nein. Niemals!

„In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.“

Marie Blum (* 1986) ist eine österreichische Performance- und Sprachkünstlerin. In ihren Taten und Texten untersucht sie die Möglichkeiten des poetischen Handelns im öffentlichen und privaten Raum. Mit der Vergeblichkeit der Wiederholung spielend setzt die Künstlerin in der Nacherzählung ihrer Performances gezielt Lücken und Geheimnisse ein. Das, was ihre Kunstwerke verbergen, ist ebenso wichtig, wie das, was sie preisgeben.

Denkmal neu gedacht

Wie ist die Arbeit zu Marie Blum entstanden?Marie Blum: Der Beginn des Projekts liegt über ein Jahr zurück. Damals stieß ich auf ein Gedicht des Schriftstellers Rajko Djurić mit dem Titel „Geboren in Auschwitz, gestorben in Auschwitz“.1 Darin listet Djurić die Namen von sechs Mädchen und fünf Buben auf, die am selben Tag ermordet wurden, an dem sie auch geboren sind. Wie erinnert man an einen Menschen, dem sogar der erste Tag seines Lebens verwehrt worden ist? Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe dann versucht diese elf Kinder in den Online-Datenbanken des Arolsen Archives, des Auschwitz Archives und der Holocaust Survivors and Victims Database aufzuspüren. Ich konnte keine Einträge mit genau denselben Namen und Daten finden, die Djurić in seinem Gedicht aufgezählt hat. Aber ich fand eine Marie Blum, die im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau geboren wurde und in allen drei Archiven mit denselben Informationen aufscheint. Laut einem Eintrag in eines der Hauptbücher ist Marie Blum am 5. September 1943 in Sektor BIIe – dem Sektor, in dem Roma, Romnja, Sinti und Sintize interniert worden sind – zur Welt gekommen. Dort wurde sie am dritten Tag ihres Lebens ermordet.2  Ich habe mich dann entschieden, meinen eigenen Namen abzulegen und ein Jahr lang den Namen Marie Blum zu tragen. Dafür habe ich die rechtskräftige Änderung meines Vor- und Nachnamens im Namensänderungsreferat der MA 63 in Wien beantragt. Die Namensänderung ist mir nach mehr als viereinhalb Monaten Wartezeit schließlich gewährt worden – zufällig genau am 27. Jänner 2020, dem Internationalen Holocaust Gedenktag, der heuer gleichzeitig der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau ist.

Du bezeichnest das Projekt als performatives Denkmal. Was bedeutet dieser Begriff für dich?
Blum: Robert Musil hat einmal geschrieben, dass nichts auf der Welt so unsichtbar wäre wie Denkmäler. Das ist eine Überspitzung, denn skulpturale Denkmäler haben eine wichtige Funktion: Sie besetzen öffentlichen Raum, greifen in Erzählungen ein, sie schaffen Orte. Aber wenn es nicht gelingt, für die Folgegenerationen Bezüge herzustellen, dann werden diese Monumente tatsächlich schnell unsichtbar. Das performative Denkmal ist für mich ein Versuch, Beziehung herzustellen. Was passiert, wenn nicht ein Stein, sondern ein Mensch Marie Blums Namen trägt? Marie Blum hätte leben sollen. Ihr Name hätte ausgesprochen, niedergeschrieben werden sollen. Natürlich bin ich nicht Marie Blum – niemand kann jemals Marie Blum sein. Das Leben, das ihr genommen wurde, ist unwiederbringlich. Vielleicht geht es bei der Arbeit darum, zu versuchen das Ausmaß dieses Verlusts zu erahnen – auch wenn und vielleicht gerade weil das nur ansatzweise möglich ist. Was so ein Verlust tatsächlich bedeutet, wissen nur die Menschen, die selbst von ihm betroffen waren und sind. Umso wichtiger scheint es mir, die Forderung nach einem zentralen Gedenkort für die 500.000 Roma, Romnja, Sinti und Sintize, die von den Nationalsozialist*innen ermordet worden sind, zu unterstützen.3 So ein Ort fehlt in Österreich bisher – was umso erschütternder ist, als das Ende des 2. Weltkrieges 75 Jahre zurückliegt. Auch das Europäische Parlament hat den nationalsozialistischen Genozid an den Roma, Romnja, Sinti und Sintize erst 2015 offiziell anerkannt.4

Hat unsere Generation in puncto Erinnerungskultur eine besondere Verantwortung?
Blum: Wir erleben in Österreich in den letzten Jahren eine öffentliche Normalisierung von rechtem Gedankengut. Das macht die Auseinandersetzung mit den Wurzeln dieses Gedankenguts besonders wichtig. Aber selbst wenn es diesen Rechtsruck nicht geben würde: Die Nationalsozialist*innen, das waren unsere Großeltern, unsere Urgroßeltern. Diese Geschichte ist unsere Herkunft. Darunter kann man keinen Schlussstrich ziehen. Ein ganz wesentlicher Teil des performativen Denkmals ist für mich die Aufarbeitung und Sichtbarmachung der eigenen Familiengeschichte. Wie waren meine Urgroßeltern und Großeltern daran beteiligt, was damals geschehen ist?  Welche Spuren lassen sich auch davon in den Archiven finden? Und was geschieht, wenn der Name eines Opfers plötzlich in unsere Familie getragen wird? Diese Auseinandersetzung führt weiter, führt zu mir selbst: Wo bin ich heute Täterin? Wo liegt mein Anteil an den Verbrechen der Gegenwart und was kann ich dem entgegensetzen?

Welche Rolle spielt das Erinnern bei diesem Schritt in die Gegenwart?
Blum: Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Europa die Verbrechen, die es im Kolonialismus verübt hat, als solche anerkennt. Das ist die Voraussetzung dafür, die Gegenwart zu verstehen und uns unserer erbeuteten Privilegien bewusst zu werden. Mein Weg in die Gegenwart ist ein langsamer. Ich bin selbst auf der Suche nach Formen, wie ich ihr gerecht werden kann. Wie kann ich das, was ich habe einsetzen, um etwas zu einer Veränderung beizutragen? Was bin ich bereit aufzugeben? Die Kunst ist beharrlich. Ich hoffe, sie hilft mir diese Fragen zu stellen und auf dem Weg zu einer Antwort zu sein.

Textinstallation in der Ausstellung „Marie Blum“,
space nouvelle, Innsbruck, Dezember 2019

(1)  Das Gedicht „Geboren in Auschwitz, gestorben in Auschwitz“ von Rajko Djurić  erschien  in dem Band “Die Morgendämmerung der Worte: Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti” (Die Andere Bibliothek, Band 403, herausgegeben von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki).

(2) So gefunden im Arolsen Archive in Teilbestand 1.1.2.1 / 531631 .

(3) Eva Blimlinger wiederholte diese Forderung im Rahmen einer Umfrage der IG Kultur zu den kulturpolitischen Zielen der Parteien zur Nationalratswahl 2019 (24.09.2019).

 (4) Siehe hierzu zum Beispiel den OTS Pressetext zur Gedenkfeier 2016 an den nationalsozialistischen Völkermord an den Roma, Romnja, Sinti und Sintize (07.10.2019)

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07.06.2020-
04.07.2020

Nächster Beitrag „...HEUTE FÜR MORGEN“, hier.

Erinnern neu gedacht

Das NS-Dokumentationszentrum München ist ein Lern- und Erinnerungsort im Zentrum der bayrischen Hauptstadt. Errichtet wurde das Zentrum auf dem Gelände des „Braunen Hauses“, der einstigen Parteizentrale der NSDAP. Durch die  2015 errichtete Institution wurde der Ort zum offenen Diskussionsforum. Neuerdings auch mithilfe von Gegenwartskunst.

Kurator Nicolas Schafhausen über die aktuelle Ausstellung: „Prinzipiell bin ich der Auffassung, dass man in der Kunst alles machen, denken, probieren, versuchen und träumen sollte. Kunst muss ein Ort sein, an dem man die gegenwärtigen Diskussionen darüber fordern kann, wie wir unsere Beziehungen zueinander und zu den Orten, die wir einnehmen und/oder an denen wir funktionieren müssen, neu ordnen kann. Eine wichtige Frage ist für mich, was halten wir dagegen, welche Funktion hat die Kunst in Zukunft? Was kann sie bewirken und verändern? Wir alle müssen uns daranmachen, in der Form und dem Umgang auch bei dem Thema „Erinnerungskultur“ etwas ganz anderes zu entwickeln. Unbequem sein und unsere eigene Passivität verlassen, Ausstellungen wie diese als Diskussionsmaterial verstehen.“ (Näheres im Blog der Ausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“)

Braucht eine Institution wie das NS-Dokumentationszentrum den Austausch mit der Kunst?

Mirjam Zadoff: Als ich das Haus 2018 übernahm, wurde ich mit einer Dauerausstellung konfrontiert, die sehr genau und sehr gut gemacht ist. Es geht um Aufklärung. Emotionalisierung, persönliche Geschichten haben keinen Platz. Ein Punkt, der übrigens auch kritisiert wurde. Der Besucher bleibt immer auf Distanz. Ich möchte über die Kunst neue Bezüge herstellen, die persönlichen Geschichten erzählen. Bei der Kunst, die wir zeigen, geht es nicht um Wissensvermittlung, sondern darum, wie man Menschen erreicht. Wir kontrastieren diese beiden Zugänge.

Kurator Nicolas Schafhausen bemerkte einst, die Wirkmacht klassischer Institutionen sei beschränkt. Stimmen Sie zu?

Zadoff: Diese Frage stellt sich an viele Institutionen. Durch die politische Zuspitzung erfordert es, Stellung zu beziehen. Ob man will oder nicht. Das betrifft sowohl klassische Kunsthäuser als auch historische Museen und Universitäten. Gerade Häuser, man sehe sich deutsche Theater an, die sich bewusst positionieren, sind Attacken ausgeliefert. Es ist wichtig, dass Kulturinstitutionen ihre Funktion immer neu hinterfragen. Was uns in den vergangenen Monaten beschäftigt hat, ist wie sich Institutionen besser vernetzen können und Synergieeffekte verstärken kann – etwa zwischen Wissenschaft und Kunst. Diese Grenzen müssen fallen. Museen sollten sich wie auch Theater als offene Strukturen begreifen, in denen lebendige Demokratie stattfinden kann. Das Politische ist unserem Haus natürlich schon eingeschrieben. Wir können nicht nicht politisch sein.

Funktioniert
die Dichte
an Information?

Zadoff: Natürlich gibt unsere Dauerausstellung schon ein gewisses Pensum an Information vor, die Wechselausstellung öffnet noch zusätzliche Räume. Was uns deshalb wichtig war, ist, dass man sich einzelne Bereiche herauspicken kann.  Unsere Audioguides bieten etwa ganz bestimmte Wege durch die Schau. Bis April kann man das Haus außerdem bei freiem Eintritt besuchen, weil wir uns wünschen dass die Besucher nicht mehr nur kommen, um ihre Schuldigkeit tun und dann nie wieder zurückkehren. Ich möchte ein offenes Haus. Man kann gar nicht reingehen mit dem Anspruch, alles mitnehmen zu können. Gleichzeitig wollen wir niederschwellig vermitteln. Ich glaube nicht, dass die Besucher derzeit das Gefühl haben, auf etwas sehr Elitäres zu treffen…

Er wollte mitmachen. Er wollte Wir” sagen und dieses Mitmachen und dieses Wir sagen wollen war ja ganz genug, um die allergrößten Verbrechen möglich zu machen. Es gab eine Alternative, hüben und drüben und die hieß NICHT MITMACHEN, selber urteilen bitteschön; das mach ich nicht mit, ich setze nicht mein Leben ein, ich versuche zu entkommen, ich versuche, wie ich um die andere Ecke komme, aber ich mache nicht mit und falls ich gezwungen sein sollte mitzumachen, dann werde ich mir das Leben nehmen.”
 

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